Menschen, die so etwas erlebt haben …

Es ist Pfingstsonntag. Das Hotel bis zur letzten Badewanne ausgebucht. Ein international anerkanntes Orchesterensemble ist im Haus.
Schon seit einer Woche sind die Musizierenden bei uns. Inzwischen eine Tradition. Seit einigen Jahren trifft sich das international zusammengesetzte Orchester zu einer Klausur. Für das neue Programm. Und in dieser Woche ist nicht selten nachts um halb drei im Saal noch die Cellistin zu hören oder der Mann mit dem Saxophon. Es wird geprobt, fast rund um die Uhr und es ist immer wieder faszinierend zu erleben, mit welcher Leidenschaft und Begeisterung die Menschen dabei sind und in ihrer Welt der Musik aufgehen. Das Konzert heute Abend ist der Beginn ihrer Welttournee, auf die das Ensemble in ein paar Tagen aufbricht.

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Es ist kurz vor 17 Uhr. Ich werde zur Rezeption gerufen. Da steht sie, die Mitarbeiterin. Völlig aufgelöst und mit hochrotem Kopf. Sie ist kaum zu verstehen, so zittrig ist ihre Stimme. „Eine Bombe. Eine Bombe im Hotel. Noch 15 Minuten.“
Was? 15 Minuten? Ja, davon sind ja jetzt schon zwei um! Alle raaaaaaaaaaaaaaauuuuuuuuuuuuuus!
Erst kommt das Landeskriminalamt, dann das Bundeskriminalamt und dann die Hundestaffel.

Gibt es dafür (k)eine Vorbereitung?

Da war die Hotelfachschule, das Studium, X Führungsliteratur-Bücher, Fortbildung mit Zertifikaten, mit der ich eine ganze Kleinstadt pflastern könnte. Doch nirgendwo hat mich jemand darauf vorbereitet: Wie ich dem Weltstar unter den Violinisten jetzt klar mache, dass seine millionenschwere Stradivari leider alleine im Zimmer zu bleiben hat und die, wenn das jetzt hier gleich richtig schlecht läuft, in 1000 Stücke fliegt.
Ist sie nicht. Wir hatten verdammt viel Glück.
Können wir uns auf solche Situationen vorbereiten? Ja. Damit gewisse Abläufe routiniert und souverän ablaufen. Damit alle im Unternehmen wissen, wie in einem solchen Fall zu agieren ist.
Dass ist die faktische Seite.
Und wie ist das mit den Menschen? Den externen wie internen Gästen? Wer reagiert wie?
In dem Moment und auch danach. Denn was auch immer passiert, Erlebnisse dieser Art hinterlassen Spuren in uns.
Spuren sind dafür da, dass wir sie sichtbar machen. Spuren dürfen nicht einfach verwischt werden. Keine und solche schon gar nicht.
Seien wir uns als Führungspersönlichkeiten bitte bewusst, dass wir Menschen unterschiedlich sind und dass es in extremen Situationen Leben retten kann, darüber Bescheid zu wissen.
Um die externen Gäste können wir uns nur in dem Moment kümmern, doch auf unsere internen Gäste, auf unsere Mitarbeitenden, haben wir auch danach zu schauen.
Denn Menschen, die so etwas erlebt haben, die einen solchen Anruf entgegengenommen haben, schauen jetzt ganz anders auf ihr Handy und hören das Klingeln des Telefons mit einem anderen Ohr.

Nur eine Ausnahmesituation?

Na ja, wann kommt so etwas schon einmal vor?
Häufiger als Sie denken.

Ein Manager entlässt einen Mitarbeiter und der hängt zwei Stunden später im Baum.
Menschen, die so etwas gesehen haben, gehen jetzt anders im Wald spazieren.

„Bis morgen, Schatz!“ Dann klingelt es an der Tür. Die Polizei. „Es gab einen Unfall. Ihre Frau ist tot.“
Menschen, die so etwas erlebt haben, reagieren anders, wenn jemand zu spät kommt.

Dieser Wolkenbruch hat alles um- und mitgerissen. Autos, Bäume, Häuser, Menschen. Alles weg.

Menschen, die so etwas erlebt haben, sehen jetzt anders in den Himmel, wenn es regnet.

Wissen Sie, was Ihre Mitarbeitenden alles erlebt haben?
Kennen Sie die Lebenslandkarte Ihrer Leute?
Wissen Sie, wieso Ihre Mitarbeitenden sich in gewissen Situationen so verhalten, wie sie es tun?

Wir alle tragen unsere Erfahrungen und Erlebnisse mit uns herum. Haben uns zu der Person gemacht, die wir heute sind.
Wie beschreibt sich Ihre Herkunft? Was hat Sie durch diese verändert? Was haben Sie daraus gelernt? Und was ist Ihre Botschaft, die durch Ihre selbst erlebten Tiefs entstanden ist?

Die Antworten sind wichtig. Damit Sie auch in Extremsituationen schnell wieder handlungsfähig sind.